Heute bin ich wieder hin und her gerissen zwischen Veitstanz und Zitterpartie. Bevor ich mich entscheide, ruhe ich mich besser aus.
Ich habe eine Menge dafür getan, hier in der Sonne auf der Fensterbank sitzen zu können. Das hat ganze zweieinhalb Jahre des Buckelns bedeutet, ein bisschen Flirten, Selbstbewusstsein, Mut zum Rückgrat und dem Loslassen, und die zwanzig Stufen, die ich in diese Wohnung hochlaufen musste.
Für all das belohne ich mich genau jetzt mit einem frischen Kaffee.
Schon irre, wie viel Zeit und Arbeit es einen kosten kann, einen einzigen Belohnungskaffee trinken zu können. Ich meine, die letzten Wochen waren echt hart, die allerhärtesten meines Lebens vermutlich. Ich weiß, das sagt man irgendwie immer hinterher, dass es noch nie so hart gewesen ist. Aber mal im Ernst, ich habe mich freiwillig noch nie so oft in Gefahr begeben. Und wofür? Hierfür: einen Kaffee in der Sonne mit einem Lächeln dazu und dem ungewohnten Gefühl, stolz auf das zu sein, was ich gerade alles geschafft habe, und zwar nur, weil ich es wollte, nicht weil mich irgendeine Tradition oder Kultur dazu zwang.
Das mündliche Abitur zum Beispiel hat mir echt eine Heidenangst eingejagt, aber damals hatte ich keine Wahl. Als ich vor der Prüfungskommission in diesem Klassenzimmer der Unterstufe stand, in dem die Stühle und Tische in hufeisenform aufgestellt worden waren, fühlte ich mich wieder wie in der Quinta: klein und unscheinbar. Mein Mund war trocken, meine Hände feucht, die Stimme zittrig, die Knie weich, - du kennt das Gefühl. In solchen Momenten sitzt dein komplettes Seelenleben in deiner Brust und schreit mit vor Panik von innen an deine Rippen geklammerten kleinen Händchen: "Naaaaaaaaaaain!", als würde das etwas ändern. Keine Chance, diesen inneren Feigling irgendwie zum Schweigen zu bringen. Kein Schlucken, Weglaufen oder Mut Zureden bringt's. Darum gibt es nur einen einzigen Weg, da wieder lebend rauszukommen: du machst den Mund auf und beginnst einfach. Du redest Wort für Wort, lächelst irgendwann verkrampft, machst den ersten Witz, bedankst dich, verlässt den Raum, und - Bamm! - hast es wirklich geschafft. Wie du abgeschnitten hast, ist Nebensache. Du hast es getan.
Was sich bei mir ganz genau so anfühlte wie das mündliche Abitur, waren die mündliche Prüfung an der Uni, das erste Vorstellungsgespräch, meine erste selbstausgesprochene Kündigung, der erste Ritt in einer Katapultstart-Achterbahn und mein Versuch, einen Hochseilgarten zu durchklettern.
Drei Dinge davon habe ich innerhalb der letzten vier Wochen getan. Ich
bin saumäßig stolz auf mich, habe einen höllischen Muskelkater und
keinen blassen Dunst, was ich als nächstes tun werde. Bis auf das
Probearbeiten in einer für meine Talente echt großen Werbeagentur.
Einer, deren Namen ich sage, nur um zu sehen, wie mein Gegenüber die
Augenbrauen hebt und betont "Ahhhh, die!" sagt.
Gott steh mir bei, aber es ist mir beinahe egal, wie ich das meistere. Hauptsache ist, ich tue das überhaupt irgendwie. Es ist so wie in dem Hochseilgarten: Ich weiß, da ist der Gurt, der mich hält, wenn ich falle. Mir kann nichts geschehen. Alles, was ich tun muss, ist, einen Schritt zu machen. Weiter zu denken, lenkt nur ab. Also immer nur ein Schritt und noch einer und noch einer. Und irgendwann werde ich mich umdrehen und sehen, dass die Strecke hinter mir verdammt lang aussieht vom Ziel aus betrachtet, und verdammt gefährlich. Aber dann bin ich bereits angekommen und es kann mir sch***egal sein, wie gefährlich das gerade war und wieviel Angst ich gerade hatte. Dann bin ich durch und hab's geschafft!
Und dann? Schau ich mal. Irgendwann muss schließlich jeder wieder aus der Bahn steigen und den nächsten ranlassen.