Samstag, 26. Mai 2012

Pfingsten

Das Kaninchen ist fast satt,

der Kirschbaum gleich kahl.

Das Leben ist schön.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Mein Marathon

Gleich geht's los. Gleich werde ich diesen Kaffee ausgetrunken haben, aufstehen, mich anziehen, mich stadtfein machen, ein Lächeln aus dem Schrank suchen und die nötigen Schritte in die Sonne nach da draußen machen.

Gleich beginnt mein Tag. Wie genervt ich jetzt schon von ihm bin! Kaum zu fassen, dass es nur einen alten Mann und seine demente Frau als Unternachbarn braucht um die ersten zwei - und somit die wichtigsten - Stunden des Tages wirklich vollkommen zu verhageln. Kurzabriss: er dröhnt sie mitten in der Nacht an, ich poltere nach gefühlten Ewigkeiten und zwanzigfacher Überlegung auf den Fußboden, er ist still, ich kann theoretisch betrachtet schlafen, und am nächsten Morgen ist die Stimmung versaut, weil die Nacht dann doch noch hin war. Insgesamt gesehen und nicht nur für mich. Zusätzlich ist die Verabredung zum Mittagessen irgendwie nicht richtig terminiert, die Studienleistungen sind ganz plötzlich beim Studienleiter vom Tisch in den Papierkorb gerutscht, was ich aber auch nur auf Nachfragen drei Monate später, also jetzt bei eigentlichem Studienabschluss, erfahre, und das ach-so-wichtige nächste Bewerbungsgespräch sieht von hier aus echt ätzend aus, weil ich mich da eigentlich ja eh gar nicht bewerben wollte.

Hätte ich gut geschlafen, wäre das alles jetzt nicht so schlimm.

Bestimmt ist das die Strafe dafür, dass ich gestern ein bisschen erbost darüber war, dass mich jemand zuerst grundlos anpampte und sich dann mit Morgenmuffeligkeit entschuldigte. Andererseits könnte ich auch einfach mal aufhören, Dinge in Schuld und Unschuld und Strafe und Belohnung einzuteilen. Das Prinzip ist doch echt veraltet. Erinnert vermutlich auch deshalb an die Kirche.

Ich sollte mich noch einmal hinlegen. Aber dann stehe ich mit Falten um die Augen nachher vor meinem potenziellen neuen Chef. Auch nicht schön.

Was ich brauche, ist Druckfreiheit. Einfach mal loslassen können und mir selbst nicht eine Pflicht nach der anderen auferlegen. Ständig muss ich jemanden anrufen, besuchen, jemandem etwas erledigen, etwas geschafft haben. Muss ich gar nicht.

Eigentlich bin ich nämlich gerade fertig. Nervlich und auch mit meiner Leistung. Eigentlich habe ich endlich gerade mit dem Lernen abgeschlossen. Nach vierundzwanzig Jahren, zwei Schulen, zwei Universitäten und einer Akademie habe ich nicht nur die Schnauze gestrichen voll sondern mir auch eine Pause verdient.

Kann es wirklich so schwierig sein, die Füße hochzulegen und den Erfolg zu genießen? Muss es immer gleich zum nächsten Ziel gehen?

Stehenbleiben.

Ich werde mich einfach dazu zwingen. Das kann ich bestimmt lernen - womit ich schon wieder eine neues Ziel hätte und den Beweis, dass ich das eben nicht lernen kann, kein Lernziel zu haben -, aber das will ich ja gar nicht.

Treibenlassen. Das geht vielleicht. Ich glaub, ich fang da gleich mal mit an und mach mir 'nen neuen Kaffee. Rausgehen kann ich auch später noch.



Dienstag, 22. Mai 2012

Mein Irrtum

Manchmal geht einem etwas durch den Kopf, für das man sich sofort selbst wie die eigene Mutter rügen möchte: "Kind, sowas darfst du nicht einmal denken!"

Ging mir heute beim Arbeitsamt so. Und meine Kopfmama hatte völlig Unrecht.

Ich fuhr mit dem Fahrrad hin und stellte mich auf unendlich lange Wartezeiten ein, hatte aber die leise Hoffnung, es würden nicht viele Arbeitslose so blöd sein, den ersten Tag in diesem Jahr mit über 20°C schon vor zehn Uhr morgens in dem nach altem Kaffee und Staub und Papier duftenden Wartesaal mit dem Durchstöbern von Stellenangeboten für Tiefbauer/-innen, Tagesmütter und Drechsler/-innen zu verbringen. Wie ich. Ich wollte mich ja auch nur melden. Ein paar Fragen stellen und nicht mit einer hilfreichen Antwort rechnen. Wieder nach Hause fahren. Meine Schuhe zum Schuster bringen, weil ich das gestern schon nicht getan hatte.

Ich schloss mein Fahrrad also an den dafür vorgesehenen Bügel an, schön mitten zwischen die anderen, weil ich immer davorn ausgehe, dass eher am Rand der Gruppe geklaut wird. Hab mir nie die Frage gestellt, wie logisch diese Überlegung ist. Ich drehte das Nummernschloss irgendwie hin, ging ein paar Schritte in Richtung der Eingangstür; und dann mein faux pas: man, du bist hier beim Arbeitsamt, wo sollte dein Fahrrad wohl eher geklaut werden als hier?! - Also zurück und das Nummernschloss jetzt aber so richtig durcheinander wirbeln. Und gleichzeitig die kurze aber heftige Schelte meines Inneren darüber, dass ich tatsächlich so kleingeistig und oberflächlich und klischeebehaftet und ... mir selbst peinlich bin, das hier gerade wirklich zu tun. Aber die Nummern jetzt wieder hübsch ein bisschen ordnen, bringt's ja nun auch nicht. Also ab ins Amt und bloß niemandem erzählen, dass ich alle Arbeitslosen für Diebe halte. Bin doch selbst bald eine von denen. Arrghs! Schon wieder ein falscher Gedanke.

Im Amt ging's dann wirklich recht schnell. Genauso erfolglos war ich allerdings auch. Nach einer halben Stunde hatte ich alle Unterlagen in der Hand, die ich und alle anderen Beteiligten ausfüllen dürfen, damit sie dann gesammelt beim Amt in den Schredder wandern und man mich dort vergessen kann, wie vor drei Wochen, als ich schon einmal dort war um alles Mögliche auszufüllen und da zu lassen. Egal. Ich tue meine Pflicht. Bin ein braves Kind.

Und als ich so Unterlagen-in-die-Tasche-stopfend auf mein Fahrrad zuschlenderte, hätte ich dem fremden Mann hinter mir auf der Bank beinahe ein verzücktes "Siehste! Sieeeeehste!" mit ausgestrecktem Finger auf das Fahrradschloss hingeworfen. Da hat doch tatsächlich jemand versucht mein Schloss zu knacken! Und was grinst der Kerl hinter mir jetzt so? Nur weil ich ein bisschen hörbar vor mich hin fluche, während ich die geknackte Plastikummantelung des Schlosses begutachte und befummle? Ich fasse es nicht! Das ist nicht einmal mein Schloss, das hab ich nur geliehen, weil es echt gut ist. Sieht man ja. Das Fahrrad steht ja noch hier. Mit einem Schloss, das echt jemand versucht hat zu knacken. Ich glaub das nicht. Ich glaub echt nicht, dass man nur eine halbe Stunde hier vor dem Arbeitslosen- ähhhh, Arbeitsamt zu stehen braucht um einer kriminellen Handlung zum Opfer zu fallen! Hallo, Opfer, hiiiieeer! Hat das jemand gsehen? Der Kerl da vielleicht, der immer noch so grinst? Boooah, ey, ich fahr jetzt nach Hause. Danke Mama, echt, für das Zurechtweisen beim Klischees-Anbringen. War ja wohl mal richtig, hm? Man, so ein Depp, so einer! 1.000 Fahrräder, und bei meinem war das Schloss sogar mehr wert als das Fahrrad!

Ganz kurz kommt mir der Gedanke, der Knacks im Schloss könnte schon vorher da gewesen sein. Beim Aufsteigen schüttele ich den Gedanken wieder ab. Das würd mir die ganze Flucherei kaputt machen jetzt.

Blöder Mist, blöder!

Montag, 21. Mai 2012

Nice one

Guten Morgen, ihr.

Bin dann mal eben draußen.

Nice one. Wie schmeichelnd.

Mein Desert Race

Heute bin ich wieder hin und her gerissen zwischen Veitstanz und Zitterpartie. Bevor ich mich entscheide, ruhe ich mich besser aus.

Ich habe eine Menge dafür getan, hier in der Sonne auf der Fensterbank sitzen zu können. Das hat ganze zweieinhalb Jahre des Buckelns bedeutet, ein bisschen Flirten, Selbstbewusstsein, Mut zum Rückgrat und dem Loslassen, und die zwanzig Stufen, die ich in diese Wohnung hochlaufen musste.

Für all das belohne ich mich genau jetzt mit einem frischen Kaffee.

Schon irre, wie viel Zeit und Arbeit es einen kosten kann, einen einzigen Belohnungskaffee trinken zu können. Ich meine, die letzten Wochen waren echt hart, die allerhärtesten meines Lebens vermutlich. Ich weiß, das sagt man irgendwie immer hinterher, dass es noch nie so hart gewesen ist. Aber mal im Ernst, ich habe mich freiwillig noch nie so oft in Gefahr begeben. Und wofür? Hierfür: einen Kaffee in der Sonne mit einem Lächeln dazu und dem ungewohnten Gefühl, stolz auf das zu sein, was ich gerade alles geschafft habe, und zwar nur, weil ich es wollte, nicht weil mich irgendeine Tradition oder Kultur dazu zwang.

Das mündliche Abitur zum Beispiel hat mir echt eine Heidenangst eingejagt, aber damals hatte ich keine Wahl. Als ich vor der Prüfungskommission  in diesem Klassenzimmer der Unterstufe stand, in dem die Stühle und Tische in hufeisenform aufgestellt worden waren, fühlte ich mich wieder wie in der Quinta: klein und unscheinbar. Mein Mund war trocken, meine Hände feucht, die Stimme zittrig, die Knie weich, - du kennt das Gefühl. In solchen Momenten sitzt dein komplettes Seelenleben in deiner Brust und schreit mit vor Panik von innen an deine Rippen geklammerten kleinen Händchen: "Naaaaaaaaaaain!", als würde das etwas ändern. Keine Chance, diesen inneren Feigling irgendwie zum Schweigen zu bringen. Kein Schlucken, Weglaufen oder Mut Zureden bringt's. Darum gibt es nur einen einzigen Weg, da wieder lebend rauszukommen: du machst den Mund auf und beginnst einfach. Du redest Wort für Wort, lächelst irgendwann verkrampft, machst den ersten Witz, bedankst dich, verlässt den Raum, und - Bamm! - hast es wirklich geschafft. Wie du abgeschnitten hast, ist Nebensache. Du hast es getan.

Was sich bei mir ganz genau so anfühlte wie das mündliche Abitur, waren die mündliche Prüfung an der Uni, das erste Vorstellungsgespräch, meine erste selbstausgesprochene Kündigung, der erste Ritt in einer Katapultstart-Achterbahn und mein Versuch, einen Hochseilgarten zu durchklettern.

Drei Dinge davon habe ich innerhalb der letzten vier Wochen getan. Ich bin saumäßig stolz auf mich, habe einen höllischen Muskelkater und keinen blassen Dunst, was ich als nächstes tun werde. Bis auf das Probearbeiten in einer für meine Talente echt großen Werbeagentur. Einer, deren Namen ich sage, nur um zu sehen, wie mein Gegenüber die Augenbrauen hebt und betont "Ahhhh, die!" sagt.

Gott steh mir bei, aber es ist mir beinahe egal, wie ich das meistere. Hauptsache ist, ich tue das überhaupt irgendwie. Es ist so wie in dem Hochseilgarten: Ich weiß, da ist der Gurt, der mich hält, wenn ich falle. Mir kann nichts geschehen. Alles, was ich tun muss, ist, einen Schritt zu machen. Weiter zu denken, lenkt nur ab. Also immer nur ein Schritt und noch einer und noch einer. Und irgendwann werde ich mich umdrehen und sehen, dass die Strecke hinter mir verdammt lang aussieht vom Ziel aus betrachtet, und verdammt gefährlich. Aber dann bin ich bereits angekommen und es kann mir sch***egal sein, wie gefährlich das gerade war und wieviel Angst ich gerade hatte. Dann bin ich durch und hab's geschafft!

Und dann? Schau ich mal. Irgendwann muss schließlich jeder wieder aus der Bahn steigen und den nächsten ranlassen.